Hochzeit

Angst vor dem Altar: Tipps bei „kalten Füßen“

Nackte Füße an einem Heizungskörper

Angst vor dem Altar ist normal - und wird am ehesten kleiner, wenn man das Gefühl akzeptiert

Bild: iStockPhoto / raspberryhmac

Der Hochzeitstag naht und mit ihr die Freude – oder die Panik, weil es jetzt wirklich losgeht. Was hilft bei „kalten Füßen“ – bei Angst vor dem Altar?

Die Gäste sind alle eingeladen, die Blumen und das Menü sind bestellt, auch die Termine in Standesamt und Kirche stehen schon; da wächst die Vorfreude vieler Paare mit Blick auf ihren größten, schönsten Tag – den Tag ihrer Hochzeit! Einigen wird’s aber auch ein bisschen mulmig zumute: das durchgeplante, entschlossene Wesen, das den Tag der Hochzeit umweht, verursacht bei so manchem Heiratswilligen plötzlich Panik, lässt ihn die berühmt-berüchtigten „kalten Füße“ spüren. Und jetzt? Was hilft bei akuter Angst vor dem Altar?

Erst einmal sollte man die Angst akzeptieren, rät der evangelische Pfarrer Frank Witzel, 48, aus Augsburg. „Sich selbst Gefühle und Gedanken zu verbieten, hat sowieso keinen Zweck. Ein bisschen Panik vor dem Altar ist ein Stück weit sogar normal“, meint er.

Das kann der Betroffene nur selbst beantworten

Auch Gabriele Leipold, Paartherapeutin aus München, stimmt zu; eine Hochzeit markiert einen so tiefen Einschnitt und zieht so viel Umbruch und Veränderung nach sich, dass es fast schon seltsam wäre, wenn man diesem Tag völlig cool entgegen blicken würde. „Alles Neue macht erst einmal Angst“, unterstreicht die 49-jährige Psychologin.

Gleichwohl ist es natürlich sinnvoll, rät Pfarrer Witzel, genau in sich hinein zu spüren und zu horchen: „Wie hartnäckig ist der Zweifel, der da über mich gekommen ist? Wandert der Zweifel wieder von mir ab? Kommt er wieder? Und wenn ja: In welcher Qualität kommt er zurück? Wird er bei jeder Wiederkehr immer dominierender, so dass ich beginne, zu vergessen, dass er zwischendurch auch schon mal weggegangen ist?“ Das kann der Betroffene nur selbst beantworten – er alleine weiß, wie es in ihm aussieht, wenn er in der Lage ist und den Mut hat, mit sich selbst ehrlich umzugehen.

Distanz zu den eigenen Gedanken schaffen

Um die Ängste besser einordnen zu können, sollte man sich Hilfe holen. Pfarrer Witzel (Foto unten) empfiehlt, „das Gespräch mit einem Menschen zu suchen, der sich völlig außerhalb des eigenen Gefühlssystems befindet“, um so die nötige Distanz zu finden, die man braucht, um seine Zweifel zu sortieren. Hat man einen solchen Gesprächspartner nicht zur Verfügung, muss man irgendwie versuchen, sich selbst zu helfen und den schwierigen Balance-Akt zu bewältigen, Abstand zu den eigenen Gedanken und Gefühlen zu finden, um sich ihrer überhaupt halbwegs objektiv annähern zu können.

Dabei kann einem zum Beispiel die „Hier-und-Jetzt-Übung“ gut helfen, sagt Witzel: „Ich gehe an einen Ort, der überhaupt nichts mit dem Thema Hochzeit und Heiraten zu tun hat, zum Beispiel in den Wald“, sagt der Pfarrer. „Dort schaue ich mich um und zähle dann fünf Dinge auf, die ich gerade sehe. Danach zähle ich vier Geräusche auf, die ich gerade höre. Und danach drei Gefühle, die ich gerade fühle. Und dann sage ich mir selbst laut, welcher Tag heute ist, wer ich bin und wo ich bin.“ Eine Methode wie diese helfe dabei, den Kopf ein bisschen frei zu machen, die Gedanken und Gefühle wieder klar zu kriegen, eine leichte Distanz zur ersten Panikattacke zu bekommen, auf die man dann anschließend wieder ein kleines bisschen sachlicher schauen könnte.

Sich nicht selbst etwas kaputt machen

Die Ängste müssen dabei nicht in der gegenwärtigen Realität begründet liegen, glaubt Eheberaterin Leipold. „Je diffuser sich diese Ängste anfühlen, desto sicherer kann man fast sein, dass sie nicht auf eine falsche Partnerwahl hindeuten. Sondern, dass es sich oft um alte, kindliche Ängste handelt, die jetzt hochkommen und die man besser langfristig mit einem Therapeuten bespricht, bevor man einen Fehler begeht und sich selbst etwas wegnimmt und kaputt macht, indem man die Hochzeit wieder absagt!“

Hat die Beziehung jahrelang gut geklappt, und tauchen Zweifel an ihr tatsächlich erst ganz konkret in Verbindung mit dem Hochzeitsdatum auf, kann man von einer vorübergehenden Panikattacke in Sachen Bindungsangst ausgehen. Diese kann man besänftigen, indem man zusammen mit dem Partner so genannte „Schutzmaßnahmen“ mit Blick auf die Zukunft erarbeitet, schlägt Leipold vor.

Das ,Ich‘ nicht im Wir verloren gehen lassen

„Die Partner können zum Beispiel beschließen, dass sie auf jeden Fall jeweils ein eigenes Konto behalten. Dass sie in einer gemeinsamen Wohnung auf jeden Fall auch noch jeder ein eigenes Zimmer für sich haben. Dass sie unter der Woche auf jeden Fall auch noch einen Abend haben, den sie jeweils ganz alleine für sich gestalten. Dass es im Jahr auch noch eine Woche Urlaub ohne den Partner gibt. Dass sie den Ehevertrag nicht vom Familienanwalt einer Paarseite machen lassen, sondern von einem ganz neutralen Anwalt, der beiden Seiten objektiv gegenüber steht. Und dass man nach der Hochzeit nicht gleich mit Kindern durchstarten muss, sondern dass man sich Zeit nehmen und lassen darf.“

Vereinbarungen wie diese tragen dazu bei, „dass man der Ehe den Schrecken nimmt“, so Leipold, „und dass das ,Ich‘ nicht droht, im ,Wir‘ verloren zu gehen.“

Damit kalt gewordene Füße eine Chance haben, wieder warm zu werden...

11.03.2014 / Almut Steinecke
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