Der Vater als Begleiter zum Traualtar

Ein archaischer Brauch

Vater und Tochter

Der Vater, der die Braut zum Altar führt - ein archaischer Brauch

Bild: istockPhoto / EllenMoran

Wenn der Vater seine Tochter zum Altar führt, bleibt kein Auge trocken. Doch viele wissen nicht, was sie mit dieser Geste ausdrücken: eine Übergabe der Braut von einem Machtbereich in den anderen.

Aus amerikanischen Filmen ist dies gut bekannt: Während der Bräutigam mit seinem Trauzeugen vor dem Altar wartet, führt der Brautvater die Braut in die Kirche. Nicht das Ehepaar, sondern Vater und Tochter ziehen durch den festlich geschmückten Mittelgang in die Kirche ein. Erst vorne im Altarraum nimmt der Bräutigam seine Braut aus der Hand des Vaters in Empfang.

Ein patriarchalischer Brauch

Was viele nicht wissen: Dieser gerade für die Eltern sehr berührende Moment ist ein archaischer Brauch. Symbolisch knüpft er an die alte germanische Tradition der Übergabe der Braut von einer Familie in die andere an: Von nun an wird sie nicht mehr in ihr Elternhaus, sondern in die Familie ihres Mannes gehören. Die Braut wechselte quasi vom Machtbereich ihres Vaters in den Herrschaftsbereich ihres Ehemannes.

Oft schon jahrelang zusammen

Moderne Paare, die vor ihrer Trauung bereits jahrelang zusammen gelebt haben, mögen sich fragen, ob diese Form der „Übergabe“ für ihre Lebenssituation stimmig ist oder ob nicht der gemeinsame Weg zum Altar die richtige Ausdrucksform für sie ist. Im Gegensatz zu der Brautführung zeugt er von der freien, selbstverantworteten Entscheidung des Paares für ihren gemeinsamen Weg.

Dennoch mag es Situationen geben, in denen dieser Brauch auch heute einen guten Sinn hat. Beispielsweise wenn die Braut sehr früh heiratet und es den Eltern schwer fällt, sie ziehen zu lassen. Mit dieser Geste vollzieht der Vater symbolisch die Aufgabe, die vor ihm liegt: Er muss seine Tochter loslassen und sie ihrem Mann anvertrauen. Auch andere Gründe (Krankheit, Wegzug, besondere Geschichte) können dafür sprechen, diesen alten Brauch zu wählen.

Andere Formen der Beteiligung der Eltern

Meist gibt es aber auch andere Möglichkeiten, die besondere Rolle der Eltern im Gottesdienst hervorzuheben: Der Vater kann sich mit einer Lesung beteiligen oder an den Fürbitten teilnehmen. Braut und Bräutigam können zu Beginn des Gottesdienstes das Wort an die Eltern richten und ihnen mit einem kleinen Geschenk für die Begleitung und Unterstützung seit der Kindheit bedanken. Damit kann gezeigt werden: Die Beziehung zu den Eltern erlischt mit der Trauung nicht, aber sie ändert sich.
Im Vorgespräch kann die Einbindung der Eltern mit der Pfarrerin oder dem Pfarrer besprochen und geklärt werden.


28.05.2014 / Anne Lüters